Die Biosphäre Bliesgau im Sommer

16 Die Rundschau für das Biosphärenreservat Bliesgau Juni – August 2024 Aus dem Regionalverband Jahre Kunststation, Denk- und Lernort im Regionalverband Saarbrücken und im UNESCO-Biosphärenreservat Bliesgau Der KulturOrt Wintringer Kapelle auf dem Wintringer Hof kann 2024 auf 20 Jahre Kulturarbeit zurückblicken. 2003 wurden die Sanierungsmaßnahmen des mittelalterlichen Kulturdenkmals, die maßgeblich durch einen Förderverein unter Federführung von Charly Lehnert realisiert wurden, abgeschlossen. Seit 2004 hat sich das ehemals klösterliche Refugium auf Grundlage einer feinsinnigen Konzeption sukzessive zu einer außergewöhnlichen Kunststation im Regionalverband Saarbrücken und im UNESCO-Biosphärenreservat Bliesgau entwickelt, die über die Grenzen des Saarlandes bekannt ist. Der Leitgedanke der künstlerischen Bespielung besteht seither darin, die Geschichte und die Besonderheiten des mittelalterlichen Bauwerks, seine poetische Kraft und die gesellschaftsrelevanten Bezüge zur Kulturlandschaft, in die es heute eingebettet ist, durch engagierte Kunstprojekte gegenwartsbezogen zu reflektieren. Projektträgerin bzw. Eigentümerin ist die Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung Obere Saar e.V. in Kooperation mit dem Regionalverband Saarbrücken und der Gemeinde Kleinblittersdorf. Die Idee und Konzeption für das künstlerische Programm hat der Kulturreferent des Regionalverbandes Saarbrücken, Peter Michael Lupp, entwickelt, der schon den Sanierungsprozess mitbegleitet und dokumentiert hat. Als Kurator hat er nunmehr seit über 20 Jahren den Leitgedanken auf unterschiedlichste Art und Weise vor Ort erfahrbar gemacht und behutsam weiterentwickelt. Dabei hat er immer wieder nach Wegen gesucht, die wechselvolle Geschichte des Ortes durch die formale und ästhetische Kraft der Kunst zu interpretieren, um damit auch Rückschlüsse auf nachhaltigere Lebensformen in der Gegenwart zu erhalten. Das künstlerische Programm wechselte auf Basis des Konzeptes von 2004–2007 jeweils zu den vier Jahreszeiten, seit 2008 – per annum – in Jahreszyklen. Da sich der Wintringer Hof als eine der Pforten zum UNESCO-Biosphärenreservat Bliesgau begreift, steht seit 2011 die Schlüsselfrage der Nachhaltigkeit im Mittelpunkt der künstlerischen Reflexionen: Was brauchen wir wirklich für das „Gute Leben“? Unter dem Titel KUNST INKLUSIV werden immer wieder auch Menschen mit Behinderung in die Kunstprojekte mit einbezogen. Zudem gibt es zu allen Kunstprojekten themenbezogene Führungen und Ortsgespräche, die in Kooperation mit der VHS des Regionalverbandes Saarbrücken im Rahmen der kulturellen Bildung für nachhaltige Entwicklung angeboten werden. Vor dem Hintergrund, dass die Kapelle auch ein beliebter Ort für Hochzeiten ist, gelingt es, die Kunstprojekte einem breiteren Publikum nah- und wahrnehmbarer zu machen. Eine „Hochzeit des guten Lebens“ lädt Paare dazu ein, am KulturOrt Wintringer Kapelle einen Bund fürs Leben und ihren Lebensraum zu schließen und sich als KünstlerInnen im Sinne der Sozialen Plastik von Joseph Beuys zu erfahren. Viele renommierte Künstlerinnen und Künstler aus den unterschiedlichsten Sparten haben in den letzten 20 Jahren durch einen ernsthaften künstlerischen Beitrag auf Grundlage des Leitgedankens an dem Modellprojekt mitgewirkt. Im Ergebnis hat die durchdachte Konzeption unter Beweis gestellt, wie bedeutsam ortsbezogene Kunstprojekte und deren innovative Vermittlung für eine zukunftsfähige regionale Entwicklung in ländlichen Räumen sind! Alle Kunstprojekte sind auf der zugehörigen Internetseite und in vielen Begleitdokumentationen dokumentiert. Die Internetseite bietet zudem viel Wissenswertes zum UNESCO-Biosphärenreservat Bliesgau und ist ein wirklicher Geheimtipp für alle, die Lust haben die Welt mit anderen Augen zu sehen! www.kulturort-wintringerkapelle.de „Eine der mächtigsten Kulturtechniken, um die Welt mit anderen Augen zu sehen, das menschliche Gemeinschaftsgefühl zu stärken und Themen zur Sprache zu bringen, bei denen Worte versagen, ist die KUNST. In diesem Sinne verstehen sich die Kunstprojekte am KulturOrt Wintringer Kapelle als kontinuierlicher Entwicklungsprozess, der Menschen dazu einlädt, zwischen Raum und Zeit ihre Möglichkeitsräume für ein neues Denken und Sehen zu erweitern. In dem Maße, in dem dieser Ort und die Kulturlandschaft, in die er eingebettet ist, nicht nur die Bedürfnisse derer widerspiegelt, die aktuell darauf Zugriff haben, sondern auch Zeugnisse, Erfahrungen und Ressourcen vergangener Generationen zulässt und dies auch den künftigen einräumt, kann man zu Recht von einem KulturOrt der Gegenwart sprechen. Ich bin sehr dankbar, dass so viele engagierte Künstlerinnen und Künstler diesem Ruf durch eine ernsthafte ortsbezogene künstlerische Auseinandersetzung gefolgt sind“, erläutert Kurator Peter Michael Lupp die Idee und Vision der Entwicklung des KulturOrtes. „Zukunft schreiben“ Mit dieser Vision schließt das aktuelle Kunstprojekt – per annum 2024 – einen 20-jährigen Kreislauf. Gezeigt werden drei ausgewählte Werke der Künstlerin Monika Schrickel, die 2021 verstorben ist. Peter Michael Lupp konnte sie 2003 dafür gewinnen, eine Arbeit aus ihrem Werkzyklus „Offenes Buch. Buchobjekte“ an dem ehemals klösterlich geprägten Ort zu zeigen. Eine mit Symbolen und Zeichen beschriftete Stoffbahn, die fast schwebend im Raum wirkte, taufte die Künstlerin für den Ort mit „Zukunft schreiben“ und lieferte damit unvorhersehbar einen symbolischen Auftakt für die folgenden beiden Jahrzehnte. Die Vision, eine lebenswerte Zukunft auch über die Zeichen der Kunst zu (be)schreiben, hat seither die Idee des KulturOrtes Wintringer Kapelle beflügelt. Wie ein roter Faden hat sich dieser Impuls durch nunmehr 20 Jahre Kulturarbeit in der ehemaligen mittelalterlichen Prioratskirche gezogen und in unterschiedlichsten künstlerischen Reflexionen gezeigt. Anlass genug, nach zwei Jahrzehnten im „Jubiläumsjahr 2024“ nochmals daran zu erinnern, wie 2003/2004 alles begann, und der Malerin Monika Schrickel mit einer erneuten Ausstellung ihres Werkes Tribut zu zollen. Die erneute Ausstellung der Schriftbahn mit zwei anderen ortsbezogenen Werken der Künstlerin konnte mit Unterstützung ihres Sohnes Ralph Schrickel realisiert werden und versteht sich zudem als Beitrag zum diesjährigen Jubiläumsjahr. Die Installation wird bis Ende des Jahres im Dialog mit Werken der Künstlerin Vera Loos („Ex Voto“) und des Bildhauers Hermann Bigelmayr (+2024) („Die Grenzen des Wachstums“) in der Kapelle gezeigt. „In Zusammenarbeit mit der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung Obere Saar e.V. konnten wir hier in den letzten 20 Jahren viel Erfahrung sammeln, wie sich bedeutende Kulturdenkmäler tragfähig durch eine gezielte und kontinuierliche Kulturarbeit insbesondere so in Wert setzen lassen, dass sie wirksam zum Motor für soziale, ökologische, aber auch touristische Vernetzung und Kreisläufe werden“, beschreiben Regionalverbandsdirektor Peter Gillo und der Kleinblittersdorfer Bürgermeister Rainer Lang das Kulturprojekt. „Das mittelalterliche Kulturdenkmal ist sprichwörtlich das Herzstück des Wintringer Hofes und als KulturOrt eine Keimzelle, auf die wir besonders stolz sind. Seit über 20 Jahren kommt es hier zu Begegnungen von Menschen mit und ohne Behinderung. Damit vollzieht sich auf dem Wintringer Hof ein fruchtbares Zusammenwirken von sozialem Auftrag, ökologischer Landwirtschaft, Gastfreundschaft, Kunst und Kultur“, erklärt der Geschäftsführer der Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung Obere Saar e.V., Klaus Posselt. 20 Foto: Peter Michael Lupp Die Wintringer Kapelle. Foto: Peter Michael Lupp

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