Die Biosphäre im Sommer

16 Die Biosphären-Rundschau für das Biosphärenreservat Bliesgau Juni – August 2021 Der Biosphären-Wald Waldbaden, in seinem Ur- sprungsland Japan „Shirin Yoku“ genannt, gilt dort bereits seit den 1980er Jahren als Medizin. Auch in Deutschland gewinnt die Heil- kraft der Bäume immer mehr an Bedeutung. So wurde beispiels- weise auf Usedom der erste euro- päische Kur- und Heilwald eröff- net. „Der Mann“ fürs Waldbaden im Bliesgau ist Lothar Wilhelm. Im Gespräch erklärt der Sozio- loge und Umweltpädagoge, was Waldbaden ist, warumundwie der Bliesgau dafür besonders geeig- net ist und wie er mit seinen Pro- jektendemklassischen, kurativen Waldbaden eine neue Dimension verleihenwill. Was ist Waldbaden? Waldbaden bedeutet, mit allen Sinnen in Stille und Unberührtheit des Waldes einzutauchen: Sehen, Hören, Riechen und auch Schme- cken. Hintergrund ist die die Bio- philia-These des Biologen E. O. WILSON, die die Jahrtausende alte Abhängigkeit vonundVerbunden- heit zur Natur bekräftigt. Denn da (aus der Natur/dem Wald) kom- men wir her und spüren das in ru- higenMomenten auch heute noch. Das japanische Shinrin Yoku bil- det eine „Brücke“ zum Vereinen dermodernenTrennung zwischen Menschen und Natur. So gibt es 62 zertifizierte Shinrin Yoku-Zen- tren in Japan, die sich in empiri- schen Studien seit den 1990er Jah- ren als besonders heilkräftig er- wiesen haben. Zwischen 2,5 und 5 Mio. Menschen besuchen jährlich diese klassischen Kurorte, wie et- wa Akasawa. Was beinhaltet das klassische Shirin Yoku? BeimShirin Yoku werden alle Sin- ne aktiviert. Es beinhaltet Bewe- gungsübungen aus dem Tai Chi und Qi Gong sowie Atemübungen, bei denen es besonders umdas in- tensive Atmen geht oder auchMe- ditation. Aber auchdas Schlendern durch den Wald ohne bestimmtes Ziel gehört dazu. Welchen Effekt hat Waldbaden auf Körper und Geist? Zunächst einmal ist festzuhalten, dass es sich beim Shirin Yoku um eine präventive Maßnahme han- delt. Regelmäßiges Waldbaden dient der gesundheitlichen Vor- beugung und Prophylaxe, kann das Immunsystem stärken und Symptome eindämmen, aber kei- ne Krankheiten heilen. Die ätherischen Öle und Terpe- ne aus Pflanzen und Bäumen ha- ben positive Auswirkungen auf unser Nervensystem. So entste- hende Anti-Killerzellen stärken das Immunsystem. Durch völli- ge Entspannung werden Atmung, Puls und Blutdruck ins Gleichge- wicht gebracht und Stresssym- ptome gemildert. Auch ich kann, wenn ich regelmäßig in den Wald gehe, meine Blutdrucktabletten absetzen. Wer sollteWaldbaden unbedingt ausprobieren? Waldbaden eignet sichgenerell für jeden. Besonders stressgeplagte Menschen, solche mit Schlafstö- rungen und Depressionen sollten es unbedingt für sich austesten. Auch inKrisensituationen oder bei ADHS kann es helfen, sich auf den Wald und seine Heilkraft zu kon- zentrieren. Wie kann eineWaldbade-Kultur imBliesgau entstehen? Um eine zukünftige Waldbade- landschaft inderBiosphäre einzu- richten, gilt es die Qualitäten un- serer Waldlandschaften zu erken- nen und zu nutzen. Die Kriterien für einen Waldtherapieweg sind zum einen auf Infrastruktur be- zogen, zum anderen auf die Nut- zung in guided Tours, durch zer- tifizierte Guides und „Waldbade- meister“, sowie mit Animationen. Auch Lufttemperatur und -feuch- tigkeit spielen eine Rolle, der Wechsel von Licht und Schatten, die Windverhältnisse und die da- mit einhergehenden Naturerleb- nisse. So besitzen wir im Bliesgau zehnmarkanteWaldlandschaften. Dazu gehören zum Beispiel sol- che mit besonders alten Baumbe- ständen, die eine besondere Duft- note haben, Nadelwald auf Höhen sowie Vegetation auf Muschel- kalk und Buntsandstein. Es wäre schön, diese Landschaften durch einen Pfad zu einer Waldbade- landschaft zu komplettieren, an dessen einzelnen Stationen jeder seinen persönlichen Wohlfühlort finden kann. Dazu bedarf es aber noch einiger Überzeugungsarbeit. In Deutschland gibt es noch keine verifizierte Studie zur Wirksam- keit des Shirin Yoku, aber bereits erste Ansätze. In ihrem Buch „Im Wald sein“ schildert meine Kolle- gin Melanie Adamek die positiven Erkenntnisse aus einem Versuch mit zwölf Teilnehmern. Wir verfolgen im Bliesgau eige- ne Ansätze und verbinden den meditativen Charakter des Shi- rin Yoku mit Projekten, wie etwa dem Wildholzbau im Wald oder den TeeWege-Spaziergängen, die den Genuss der Teezubereitung im Wald an besonderen Waldor- ten kultivieren. Im Projekt Wald- werken, das ich seit 2015 ausführe, ernte ich mit den Teilnehmern in ausgewählten Gebieten Holz, las- se es fachgerecht trocknen und am Ende baut jeder selbst an Ort und Stelle einen Stuhl daraus. So ste- hen nicht nur Atem, Bewegung und Entspannung im Fokus, son- dern auch das gemeinsame Erleb- nismit demEndergebnis Stuhl. Da baut zwar am Ende jeder seinen eigenen, abermeist helfen sich al- le gegenseitig. 2019 durfte ich Dr. Qing Li, einem der führenden ja- panischen Umweltmediziner, in München kennenlernen und ihm von meinen Ideen erzählen – er war überzeugt. „Waldbaden im Bliesgau“ Interviewmit Lothar Wilhelm Waldbaden wird weltweit zumTrend. Auch imBiosphärenreservat Bliesgau. Bild: Gregor Lengler ANZEIGE:

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