Die Biosphäre im Herbst

2 Die Rundschau für das Biosphärenreservat Bliesgau September – November 2021 Klimaschutz im Biosphären-Reservat Bliesgau Klimaschutz im Biosphären-Reservat Ein Gespräch mit dem Klimaschutzmanager Dr. Hans-Henning Krämer Der letzte Starkregen in der Pfalz und inNRWist noch inallerMun- de. Auch unsere Region traf es 2018 besonders hart. Was hat sich seitdem getan? Was tun die Ver- antwortlichen dagegen? SolcheStarkregenereignissehäufen sich in den letzten Jahren aufgrund des Klimawandels. Einfache Lö- sungen gibt es allerdings nicht. Die Kanalisationen sind nicht auf sol- che Wassermengen ausgelegt, die Einrichtungen versagen, das Was- ser läuft über die Straße in die Kel- ler. Auch bestehenden Regenrück- haltebecken sindnicht auf dieMen- gen ausgelegt, können aber auch nicht beliebig groß gebaut werden. In einem ersten Schritt sollten al- le Kommunen verpflichtend Stark- regenkonzepte, anschließend aber auch Klimaanpassungskonzepte entwickeln. Die darin vorgeschla- genen Maßnahmen müssen dann auch umgesetzt werden. Dazu sind hohe finanzielle Förderungen des BundesunddesLandes andieKom- munen erforderlich. Was bedeuten solche Vorsorge- konzepte konkret? Hochwasser- und Starkregen- vorsorge ist eine Gemeinschafts- aufgabe von Bürgern, Kommu- nen und Staat. Zum einen sollten die Kommunen kurzfristig ge- meinsam mit dem Land Stark- regengefährdungskarten erstel- len, die identifizieren, wo die Ri- siken am höchsten sind. Zum an- deren sollten Kommunen und Landkreis prüfen, ob der Katast- rophenschutz für den Fall der Fäl- le ausreichend ist oder optimiert werden muss. Auch die Bürger müssen sich um das Thema Star- kregen kümmern und privat Vor- sorge tragen. Dazu gehören bei- spielsweise der Objektschutz oder aber eine Elementarschadensver- sicherung. Ziel eines solchen „Örtlichen Vor- sorgekonzeptes“ ist die Festle- gung und Umsetzung konkre- ter Maßnahmen, falls es zum Er- eignis kommt, das Ergebnis eine konkrete Liste mit umzusetzen- den Maßnahmen. Im Normal- fall werden die Bürger in die Ent- wicklung eines solchenKonzeptes miteinbezogen. Sie können ihre Ideen und Erfahrungen mitein- bringen. Starkregen ist nur ein Thema beim Klimaschutz. Wie sieht er bei den erneuerbaren Energien aus? Beispielsweise bei der Wär- meversorgung? Die eigentliche Ursache für den Klimawandel ist die Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Heizöl und Erdgas. Gut ein Drit- tel des CO 2 -Ausstoßes inDeutsch- land entsteht dabei. Auch hier sind also neue Technologien ge- fragt: Weg von Erdgas und Hei- zöl, hin zur Nutzung von Biogas, Biomasse wie Holz, Solarthermie, Nutzung von Abwärme oder zur Nutzung von Strom, wenn dieser überschüssig vorhanden ist. Das St. IngberterHeizwerk im„Draht- werk Nord Areal“ (DNA) mit dem angeschlossenen Nahwärmenetz ermöglicht beispielsweise ei- ne ökologische und von Öl- und Gaspreisen unabhängige Wär- meversorgung. Aufgabe ist es in den kommenden Jahren, dieses Wärmenetz hin zu weiteren Ver- brauchsorten wie Ludwigschule, AltesHallenbad, CISPA-Innovati- onspark oder auch Neumann-Ge- lände zu erweitern und gleichzei- tig den Anteil von Erdgas zuguns- ten Erneuerbarer Energien, Strom und Abwärme zurückzufahren. 2045mussKlimaneutralität beim Heizen und Wärmen herrschen. Schaffenwir das? In den ländlichen Regionen des Biosphärenreservats ist die Wär- meversorgung aktuell noch stark durch dezentrale Heizungen mit Heizöl geprägt. Dies ist nicht nur negativ aus Sicht des Klimaschut- zes, weil bei der Verbrennung sehr viel CO 2 entsteht. Hinzu kommt, dass über die Besteuerung fos- siler Energieträger zunehmend Kaufkraft in der Region verloren geht. Alleine in einer Ortschaft wie Erfweiler-Ehlingen fließt aktuell bei einem CO 2 -Preis von 25 € pro Tonne rund 75.000 € ab, steigt der CO 2 -Preisauf 100€werdenesper- spektivisch – sofern sich nichts Wesentliches ändert – 300.000 € pro Jahr sein. Nehmen wir al- le Ortschaften im südlichen Bi- osphärenreservat wie etwa Breit- furt, Blickweiler, Biesingen, Ass- weiler, Wittersheim, Peppenkum und andere hinzu, geht ein hoher siebenstelliger Vertrag der Region für die CO 2 -Steuer verloren. Damit eine Umstellung auf Erneuerbare Energien gelingen kann, braucht es erhebliche finanzielle Ressour- cen und auch etliche Personen, die zusammen mit der Bevölkerung solche Ansätze in die Praxis um- setzen müssten. Wo die herkom- men sollten, dazu fehlt mir aller- dings etwas die Phantasie. Mit Solarenergie kann sich jeder Hausbesitzer selbst miteinbrin- gen. Macht das überhaupt für alle Häuser Sinn? Die Frage, ob sich ein Haus für die Installation einer Photovoltaik- anlage eignet, muss vorab ge- klärt werden. Von der Überzeu- gung, dass sich nur mit einer Nei- gung von 30 Grad und einer Aus- richtung nach Süden ist man in der Zwischenzeit zu recht abge- kommen. Auch Ost- oder West- dächer oder auch nur leicht ge- neigte Dächer und auch Flachdä- cher eignen sich heutzutage für die Solarstrom-Gewinnung. Ab September unterstützt der Bi- osphärenzweckverbanddieHaus- eigentümer bei der Errichtung ei- ner PV-Anlage: Über ein soge- nanntes Solarkataster kann jeder Hauseigentümer mit sehr gerin- gem Aufwand feststellen, ob die eigene Immobilie für PV in Frage kommt. Hier liegt noch ein riesi- ges Potenzial. Erst 11 Prozent der Gebäude im Biosphärenreservat verfügen über eine Solaranlage. Zur Erreichung der Klimaschutz- ziele sollten wir 50 Prozent der Gebäude mit PV und/oder Solart- hermie belegen. Wie funktioniert ein solches So- larkataster? Immer mehr Städte und Kommu- nenbietenSolarkataster imInter- net an. Das elektronische Solarka- taster besteht aus einer Landkar- te, in der detailliert die vorhande- ne Bebauung hinterlegt ist. Meist wird durch unterschiedliche Far- ben sofort deutlich gemacht, ob eine Dachfläche sehr gut, gut oder kaum für die solare Stromgewin- nung geeignet ist. Wer sein eige- nes Haus untersuchen will, muss nur die Adresse eingeben. Der Klick auf die Dachfläche öffnet ein Fenster, das Daten zur potentiel- len Modulfläche und zum damit zu erreichenden Stromertrag ent- hält. Mit diesen Angaben und den eigenen Verbrauchswerten lassen sich erste Berechnungen anstel- len, ob sich eine Solaranlage auf dem Dach lohnt. Auf den Websei- ten des Biosphärenzweckverban- des finden Sie den Link zum regi- onalen Solarkataster. Windenergie ist eine weitere Möglichkeit. Hier scheiden sich die Geister. Es gibt vor allem in unserer Region dbzgl. viel Streit zwischen den Interessensgrup- pen. Sehen Sie eine Lösung? Zur Erreichung der Klimaschutz- ziele muss neben dem starken Ausbau der Solarenergie auch die Windenergie stärkere Beiträge als bislang die beiden Windparks in Homburg und Webenheim er- bringen. Den Weg, auch beste- hende Flächennutzungspläne nochmals zu überarbeiten, wenn sie praktisch kaum Umsetzungen gebracht haben, halte ich für rich- tig. Die Kommunikation ist da- bei der entscheidende Punkt und zwar von Anfang an. Ein Runder Tisch wie in Blieskas- tel kann ein Instrument für mehr Bürgerbeteiligung sein, weitere wie die finanzielle Beteiligung der Standortgemeinden, der Anwoh- ner und der Bevölkerung müssen folgen. Was ist Ihr persönliches Fazit nach acht Jahren Arbeit? Auf den Punkt gebracht: Es gibt noch viel zu tun! Wir brauchen mehr Tempo beim Thema Klima- schutz im Allgemeinen, bei der Solarenergie, Energieeffizienz- und Einsparung sowie bei der Wärmeerzeugung im Speziellen. Egal bei welchem Projekt, Klima- schutz muss immer mitgedacht werden. Für den Klimaschutz gibt es in der Biosphärenregion bzw. im Saarpfalz-Kreis einen Klimaschutzmanager. Seine Aufgabe ist es, die Region langfristig in eine klimafreundliche Region zu begleiten. Dr. Hans-Henning Krämer arbeitet seit 2013 in dieser Funktion. Dabei geht es ihmnicht nur umdas ökologische Ziel der CO 2 -Einsparung, sondern auch umdas ökonomische Ziel einer regionalenWertschöpfung durch Energieeinsparung und -erzeugung vor Ort. Wir sprachenmit ihm. Klimaschutzmanager Hans Henning Krämer spricht über Klimaschutz imBiosphärenreservat Bliesgau. Foto: privat

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